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SAMBIA Reise Reportagen
Das Chief
Mukuni Village: Ein zambisches Dorf zwischen den Jahrhunderten
von Ludwig Schadhauser, Publisher Afrika aktuell

Chief Mukunis Village
Hier wohnt der Chief! Rechts sein Haupthaus, die Hütte markiert den Zugangsbereich, der nicht ohne Rituale und Voranmeldung möglich ist...

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Livingstone auf der zambischen Seite des Zambezi und knapp oberhalb der Victoria Wasserfälle gelegen, zum 'Capital of Tourism', zur Hauptstadt des Tourismus in Zambia ausgerufen.

Und wirklich, die City boomt, die Kolonialbauten werden restauriert, Restaurants spriessen entlang der Gehsteige aus dem urbanen Boden, das alles nicht zuletzt mitgetragen von Sun International, das hier mit dem Zambezi Sun und dem Royal Livingstone zwei gewaltige Hotelprojekte der besseren Art gelauncht hat.

Auch der Livingstone Airport wird erweitert, die Runway hat eine neue Teerdecke bekommen und neue Terminals sind im Bau. Eine Nation, so scheint es, stellt die Weichen ins 21. Jahrhundert, jedenfalls in unmittelbarer Nähe der zum Weltkulturerbe zählenden Katarakte.

Und doch: Nur 20 Minuten abseits der Hauptstrasse, etwas Zambezi-abwärts, kann man das Rad der Geschichte zurückdrehen und das ländliche Zambia kennenlernen, wie es dies seit Jahrhunderten war und - fast - noch ist. Denn der Chief namens Mukuni ist zwar ein Potentat alter Stammestradition, aber durchaus zukunftsmässig orientiert. Nur, so gilt es ihm, möchte er sein Dorf eben nicht mit aller Macht auf Linie bringen.

Was bedeutet dies im einzelnen? Erstens, dass, wer immer Land braucht und möchte, erst einmal nicht an ihm vorbeikommt. Er hat das uneingeschränkte Sagen über seinen, nennen wir es Bezirk mit insgesamt 7000 Einwohnern. Persönlich leistet er sich ein echtes Haus und keine Hütte mehr, er hat moderne Telekommunikation und er fährt einen Mercedes Benz (oder lässt sich fahren).

Livingstone Tree Mukuni VillageAndererseits hat der Chief erkannt, dass seine Kommune am Tourismus mitprofitieren kann, sei es indirket an Einkünften aus Landverpachtungen (zumeist auf 99 Jahre, danach geht der Besitz an das Mukuni Village zurück), oder sei es direkt aus Projekten, die die Touristen unmittelbar in sein Dorf führen.

Eine 'Guided Village Tour', also ein Besuch unter kundiger Führung (und schon wieder sind ein paar Jobs, nämlich für die Guides geschaffen worden...) durchs Dorf, ist so ein Projekt der direkten Art.

Verlassen wir doch erst einmal die zeitlich lineare Betrachtung einer solchen Tour und beginnen mit einem Resumé: Ich habe ein hochorganisiertes und auf hohem sozialen Niveau existierendes Zusammenleben von Menschen kennen gelernt. Einen Way of Life, der auf praktischen Erwägungen beruht, und teilweise aus europäischer Sicht sogar ein bisschen neidvoll blicken lässt...

Was aber veranlasst mich, mit diesen Eindrücken den Land Rover zu besteigen und wieder Abschied zu nehmen? Vor gut zwei Stunden haben wir hier geparkt. Hier, das ist unter dem grossen und uralten Feigenbaum, dem Livingstone Tree. Dr. David Livingstone soll hier, an dieser Stelle, nach der Entdeckung der Wasserfälle eine Begegnung mit dem damaligen Chief gehabt haben, bevor er weiterzog. Somit ist dies auch in etwa das zentrum des Dorfes.

An den freien Platz aussen herum grenzt das Anwesen des Chiefs, das man natürlich erst nach Anmeldung und unter Bewahrung einer gewissen Zeremonie sprechen darf. Gegenüber ein weiteres solides Haus: Es ist das Gericht inklusive des Gefängnisses. Häftlinge hat es momentan keine...

Janina Mukuni Village
John und Janina sind Guides und führen Toruisten durchs Dorf!

Unter dem Livingstone Tree findet gerade eine Besprechung statt. Basis-Demokratie. Eine Gruppe von Männern sitzt zusammen und diskutiert ein kleines Bauprojekt. Wer etwas zu sagen hat, bittet um den Talking Stick, einen gegabelten Holzstab, der ihn dazu berechtigt.

Es geht allem Anschein auch sehr ruhig und sachlich zu, kein Vergleich zu deutschen Parlamenten... Nachdem man sich ausgetauscht hat, begibt sich die Gruppe an ihr Werk.

Mittlerweile sind auch die Guides bei uns eingetroffen. 'Mwabuka!'. 'Guten Morgen'. Janina Muchindu, unsere Führerin, wurde hier geboren und macht den Job als Touristen-Guide seit 6 Monaten.

Wir erfahren, dass das Mukuni Village in fünf einzelne Sektoren aufgeteilt ist, von denen jede mittlerweile einen eigenen Brunnen (Pumpe!) besitzt, aus dem frisches Trinkwasser sprudelt.

Eine echte Verbesserung, verglichen mit dem langen Fussmarsch hinab zum Fluss, und wieder zurück.

Beim Gehen durchs Dorf, wird auch deutlich, dass es ungemein grosszügig und weitläufig angelegt ist. Und dass das Einzelbestandteil der Gemeinschaft die Grossfamilie ist, die zusammen innerhalb eines mannshohen Stohzaunes lebt, in dem sich auch die eigentlichen Hütten befinden. Was man zum täglichen Leben benötgt, ist im Prinzip auch innerhalb dieses Bereichs anzutreffen: Ein Speicher für Mais und Hirse, das dort nach der Ernte im April gelagert wird. Getreide ist auch die Basis für den Nshima, den nahrhaften festen Brei, den es 2mal täglich gibt.

Jedes Haus hat dabei auch seinen Manketi-Nuss-Baum, aus dessen Nüssen, die (genauer, etwa 50 davon) geschält und zunächst gemahlen werden, dann nach 10minütigem Kochen eine schmackhafte milchig-fette Sauce für den Nshima wird.

Alan Chikuta Mukuni Village
Wichtige Person: Alan Chikuta ist der offizielle Dorfsprecher. Links im Bild: Mrs. Chikuta

Mit zum Repertoire jeder Familie zählen auch Mangos, Papayas (Popo genannt), Amarula und Kasabe-Bäume. Neben den bekannten, schmackhaften Früchten dient der Mango-Baum auch als Hustensaft: Man kocht die frischen Knospen und bereitet einen sirupartigen Sud damit.

Der Amarula-Baum, dessen Früchte oder genauer deren Produkte uns höchstens als süsser Likör (was nicht heisst, dieser schmecke schlecht, im Gegenteil..) bekannt sind, dient ebenfalls als Apotheke vor der Haustür.

Die gekochte Rinde ergibt ein Heilmittel gegen Bauchschmerzen aller Art.

Der Kasabebaum wiederum dient als Gemüselieferant: dazu lässt man die Blätter zwei Stunden lang vor sich hinköcheln. Auch die Wurzel ist schmackhaft.

Eine besondere Ehre ist es, Alan Chikuta kennenzulernen.

Seine Aufgabe im Dorf:

Er ist der offizielle Sprecher. Gibt es amtliche News, verbreitet er diese persönlich und geht von Haus zu Haus. Er ist es auch, der als einziger den Tod des Chiefs bekannt geben darf!

Und auch dies nicht direkt: 'Der Stein ist zerbrochen', lautet die Floskel. Die Nachfolge ist DANN normalerweise bereits geklärt. Ein Bruder, ein Sohn oder ein Enkel des Chiefs wird der Nachfolger.

Einzige Bedingung ist, dass dieser geboren wurde, NACHDEM der Chief sein Amt antrat. Also auch hier sind Machtkämpfe oder gar Kriege um die Nachfolge auf soziale Art und Weise ausgeschlossen!

Gibt es auch einen Negativ-Aspekt im guten Gesamt-Eindruck des Mukuni-Village? Ja, es ist dieser wohl unvermeidliche Curio-Bereich, in den man zum Abschluss als Tourist eingeschleust wird. Klar, auch der Verkauf dieser Souvenirs bringt ein kleines Einkommen.

Aber die Verkäufer sind lästig, aufdringlich, haben nichts mehr von der offenen Gelassenheit an sich, die ein paar Meter weiter ausserhalb allenthalben herrscht. Hier ist auch das Mukuni Village leider auch so, wie es Afrika auf seinen vielen Touristen-Märkten bereits ist...

Trotzdem, 'Twalumba, Mukuni Village!'. Danke...


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