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Jürgen Sorges ist Freier Journalist und lebt in Berlin.
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AFRIKA aktuell - Das Online Tourismus Magazin für Süd-Ost-Afrika

Tansania
Der Ngorongoro-Krater und die Gibb`s Farm

von Jürgen Sorges


Es geht aufwärts: Riesige Kaffeeplantagen säumen den Weg hinauf zu Gibb`s Farm, einer über Generationen gewachsenen, paradiesischen Oase am Wegesrand, deren Blumen- und Blütenpracht wir bestaunen, während Angestellte mit winzigen Schäufelchen eine neue, wimbledonwürdige Rasenfläche anlegen. Ob sie wohl auch Regenwürmer, earthworms, die heimlichen Biostars auf Gibb`s Farm, sammeln? Immerhin soll ja in Südafrika das längste Exemplar dieser Gattung (12,5 m!!!) irgendwann einmal gesichtet worden sein...

Ein schwarz-weißer Vogel mit leichter Bräunung auf der Brust und schwarzem Schnabel, ein Tropical Boubou (ein Laniarius aethiopicus) läßt seinen einmaligen Lockruf ertönen: Dezidiert wandern die Töne die Oktavleiter hinauf, um diese dann in einem Schwall um so rascher wieder hinabzustürzen. Wir besichtigen hektargroße Gemüsegärten, laben uns am echten deutschen Kartoffelsalat des Restaurant-Buffett, besichtigen uralte Vorrichtungen zur Kaffee-Aufbereitung und entdecken, daß die Elefantenhöhle nahe Gibb`s Farm, weil unverhofft samt besuchendem Elefant eingestürzt, derzeit - naheliegend und verständlich - in diesem Jahr leider nicht zu besichtigen ist.

Ngorongoro, eine Stunde später. Wir stoppen am Aussichtspunkt in 2200 Metern Höhe: Kraterland, »Hatari«-Land, zweiter Höhepunkt der Reise...

»Paß auf, wir sind nicht einmal Vollkasko versichert.« Dröhnend hallt »Johns« Stimme über die staubige Buschsavanne, wie üblich; und wie immer erhält »Kurt«, alias Hardy Krüger, einen mächtigen Rüffel von seinem »Big Boss«: John Wayne. 1961, als Howard Hawks den Breitwand-Zelluloid-Klassiker »Hatari« in Tanzania abdrehte, kam es zu diesem denkwürdigen Dialog während einer filmisch inszenierten Büffeljagd. Den umliegenden Bergen im Hintergrund nach zu urteilen, wurde sie vermutlich im Ngorongorokrater abgedreht, jenem »achten Weltwunder« der Natur, das heute jährlich 164000 Touristen besuchen. Tendenz: deutlich steigend. Denn glaubt man Tourismusstatistiken, verbringen heute ebenso viele Menschen weltweit ihren Urlaub in der Natur wie in Kirchen und Museen.

Der Drang zu Mutter Natur, so scheint es, könnte zukünftig gar die Attraktivität von Kultur- und Religionsikonen wie Rom, Mekka oder Jerusalem in den Schatten stellen. Doch Halt! Allein 619.000.000 Menschen (!!!), vermelden die gleichen Statistiker, offensichtlich Freunde der »Großen Zahl«, sollen jährlich die weltweit 1200 eingerichteten Zoos besuchen, in denen ca. 1 Mill. Wirbeltiere Refugium und Überlebensgarantie erhalten!

Da nimmt sich die kleine Zahl von täglich etwa 450 Ngorongoro-Krater-Besucher, die sich auf dem 16 mal 19 km² umfassenden Areal der größten, vollständig erhaltenen, oberirdischen Vulkan-Caldera der Welt tummeln, noch immer bescheiden aus. Nimmt man eine durchschnittliche Passagieranzahl von ca. sechs Personen, dann tummeln sich über den Tag verteilt ca. 80 Safari-Jeeps in diesem weltweit einmaligen Naturschauspiel, das vielen längst Petersdom und Louvre in einem ist.

Ngorongoro Kartaer TansaniaWie bei allen Attraktionen globaler Größenordnung verlangen auch die »Kunstwerke« des Ngorongoro frühes Aufstehen, will man sich die Einmaligkeit des Besuchserlebnisses erhalten. Das weiß natürlich auch unser Tour-Operator, Abercrombie & Kent, der gerade erst im September 99 von der angesehenen amerikanischen Zeitschrift »Travel & Leisure« zum oscarverdächtig weltbesten Safari-Outfitter gekürt worden ist.

Natürlich erhielt auch Hawks damals, als Tansania noch mehrheitlich Tanganyika genannt wurde und man das Gründungsjahr der Tourcompany A & K mit Sitz in Nairobi schrieb, seinen Filmoscar. Damals galt Hardy Krüger, der sich so trinkfest an der Safar-Bar in Arusha gegen John Wayne behauptete, in Deutschland neben Peter Krauss als Tennieschwarm Nummer eins. Und Rock n`Roll-Hits wie »Lieber doof sein, als Gabi heißen« heizten den langsam flügge werdenden Eingeborenen unseres rheinisch-adenauerischen Trizonesiens mächtig ein... Die Berliner Mauer wurde errichtet, Ernst Neger intonierte zur Mainzer Fassenacht »Heile, heile, Gänschen« und die Welt schlitterte fröhlich-mulmig in die Kuba-Krise.

Vier Jahrzehnte später stehen wir im Ngorongoro-Krater: Es ist Ende März, kurz vor der einsetzenden Monsun-Regenzeit. Friedlich grasend zieht eine Herde afrikanischer Büffel gen Süden. Hier hätte er sein können, jener legendäre Drehort, an dem John Wayne, wie gewöhnlich auf dem Spähersitz seines Original Rover-Jeeps sitzend, jene markigen Worte an den blonden deutschen Nachwuchs-Filmsproß richtete, die die wilde Hatz der Tierfänger auf den Büffel erst richtig dramatisch untermalten. Heute: Keine Spur von Hektik á la John Wayne, kaum ein Geräusch - sieht man einmal vom permanenten Klicken der Fotoapparate und dem Surren von Zooms und Camcordern ab. Doch anders als Waynes Jagdspektakel scheint unsere moderne Form der fotografischen »Tierfängerei« nicht sonderlich zu schaden...

Schon früh am Morgen haben wir von unserem Luxusherberge, die Serena Lodge, die neben drei anderen Hotel-Etablissements hart am Rande des Ngorongoro-Kraters liegt, den Sonnenaufgang bewundert, einen ersten Blick mit dem Fernglas auf die 600 Meter zur Rundebene abfallenden Gipfeln mit dem unübersehbaren Sodasee des Lake Magadi bewundert, bei der Einfahrt durch eines der Hauptgates in den Krater die ersten Maasai gesehen, die ihre Herden seit kurzem wieder zu den Wasserstellen im Krater treiben dürfen. So früh am Tage kann es hier oben, auf 2400 Metern Höhe, durchaus noch recht kühl sein. Und so entledigten wir uns erst einmal des Pullovers, als am Kraterboden auch schon eine Hyäne samt Rhinozeros auftauchte. Nashornjagd!

»Paß auf John. Er kommt von hinten.« Und dann die Enttäuschung, ein Mißverständnis: »Du (!) solltest doch treiben.« Ganz so wie bei John und Kurt ist es bei uns nicht. Still und leise harren wir bei abgestelltem Motor aus: »Ungefähr 14 Rhinos leben heute im Krater,« so Steve Lelo, 45, Wildlife Manager der Ngorongoro Conservation Area, »nicht mehr, aber auch nicht weniger.« Und so haben wir denn dieses erste rare von später insgesamt sechs Exemplaren gebührend bestaunt, nicht mehr, aber auch nicht weniger; »Faru«, das Rhinozeros, ein Koloß, der im Gegensatz zum Menschen schon seit 60 Millionen Jahren erfolgreiche Überlebensstrategien praktiziert, dennoch massiv vom Aussterben bedroht ist. Später wird die Frankfurter Zoologischer Gesellschaft auf 18 Rhinos kommen, die renommierte Zeitschrift Geo zählt in der Dezemberausgabe 2000 16 »Nicht mehr, aber auch nicht weniger...«

Wir haben gleich sechs Maasai-Herden bestaunt, die gemächlich im changierenden Licht der Gelb- und Grüntöne die Hänge hinab in die Ebene liefen, haben erste Elefanten mit den mächtigen Elfenbein-Stoßzähnen gesichtet und eine quietschvergnügte Pavian-Familie beim dutzendfach betriebenen, sozialverträglichen Zuzzeln und Zauseln beobachtet. Auf der anderen Seite des Autofensters demonstrierte ein Männchen sogar ganz fotogen und unübersehbar seine frühmorgendlichen Bedürfnisse: Ein Pavian mit Pulleralarm! Respekt!!!


Impressionen vor der Mittagshitze: Zebraherden, Impalas und Thompson-Gazellen, »Wildebiests«, natürlich auch ein krebsrotes, ratzendes Hippo mit Sonnenbrand, das gemächlich auf der verkrusteten Salzlake des krokodilfreien Lake Magadi in der Sonne schmort; dazwischen Kuhreiher am Hippo Pool und zahllose andere der insgesamt über 1200 Vogelarten, die Steve Lelo und seine Kollegen in und um den Krater gezählt haben wollen. Dazwischen die Ruinen eines Farmhauses, das deutsche Siedler vor hundert Jahren hier anlegten. Sie sind gescheitert: Die Bäume über den Gräbern erinnern bis heute an sie. Schließlich natürlich die Könige der Tierwelt: sechs Löwen. Friedlich und wenig angriffslustig lagern sie gelangweilt im Schatten von Niedergestrüpp. »Deutsche möchten möglichst alles, Italiener wollen nur Löwen sehen,« lacht Brian, der in Deutschland Maschinenbau studierte, eher er im Tourismus unterkam. Seine fachkundigen Kommentare und Erklärungen präsentiert er in fehlerfreiem Deutsch, auch ein Grund für die Marktstellung von A & K.

Gegen 11.30 Uhr erreichen wir schließlich die Ngoitokitok Springs, die Picknick Area, wo ein vollständig abgenagtes Büffelgerippe mit - höchst seltsam - allerdings ebenso vollständig erhaltenem Kopf, uns erstmals drastisch dokumentiert, daß auch in dieser sich friedfertigst präsentierenden Arche Noah der Natur heftigst um Leben und Tod gerungen werden kann. Schneepflugförmig werden die beiden 4x4 (Toyota) zueinander postiert. Doch der Grund für die Vorsicht sind nicht die Flußpferde, die zwar auch ab und an das kühle Naß des kleinen Sumpfweihers verlassen, um dann ziemlich gefährlich zu sein.

Die richtige Erklärung taucht nur wenige Minuten später auf: Bis zu 100 Milane haben sich dies einzige zum Picknick freigegebene Örtchen ausgesucht und kreisen in der Gluthitze bedrohlich über unseren Häuptern. Futterneidische Attacke mitten im Paradies: Wie Hitchcocks Killervögel stoßen sie im Sturzflug auf uns herab, um das ein oder andere Häppchen zu ergattern. Kein Wunder, das wir im Nu wieder in den Autos sind, um Äpfel und halbes Hähnchen konkurrenzfrei zu vernaschen. Anderen Kratergästen, die nach und nach auftauchen und das Frühaufstehen so indirekt legitimieren ergeht es kaum besser. Sogar eine Schulklasse taucht in einem altersschwachen Bus auf, der sich die fünf Autostunden von Arusha hierher hochgequält haben muß.

Möglicherweise ist das nun folgende »Swamp teaching« auch von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft finanziert, die sich seit einiger Zeit und angesichts der erklecklichen Eintrittspreise für die tansanischen Nationalparks darum bemüht, mit Spendengeldern möglichst vielen tansanischen Schülern das hautnahe Erlebnis der heimischen Tier- und Pflanzenwelt zu ermöglichen. Mittlerweile finanziert sie sogar einen »Kinobus«, der durch Tansanias Dörfer rumpelt, um Ökologie und Naturschutz, Fauna und Flora unter den zukünftigen Erwachsenen bekannt zu machen: Nachhaltiges Wirtschaften, Abteilung Basisarbeit...

Der Tag im Krater war anstrengend: »Dead as a Dodo«, toter als tot, hocken wir in den Ledersofas der Serena Lodge, genehmigen uns einen Drink und warten auf das Dinner, das vorwiegend Vegetarisches sowie Fisch bieten wird. Möglicherweise - so suggeriert das Hotelmanagement - ist der Appetit auf Wildgerichte bei einem Großteil der Gäste nach einer solchen Erlebnistour eher gering...

Jetzt noch eine Nachricht aus der Wildnis, etwa an die Daheimgebliebenen? Das Angebot eines Satellitentelefons (10 US-bucks die Minute) oder der Internet-Service (pro E-mail 10 Dollars) gehen mächtig ins Geld. In Gibb`s Farm, am Fuße des Ngorongoro-Kraters, ist das prestigeträchtige Spielen mit dem Sat-Handy noch teurer (48 US-Dollars/3 Minuten). Eigentlich ganz schön, daß sich die Wildnis gegen die Zivilisation per Preis abzuschotten vermag. Denn natürlich ist Tansania seit kurzem an das Africa One-Kabel angeschlossen und damit mittendrin in der virtuellen Zukunftswelt.

Doch hier, hart am Rande der Serengeti, hilft z.Z. nur der Weltraum. Und nicht nur in der von Tansanias Präsident Benjamin William Mkapa und Prinz Karim Aga Khan am 19.6.96 eröffneten Serena Lodge sind die Preise zu hoch für wichtige Europa-Kommunikationen à la Herbeiholen der aktuellen Fußball-Bundesliga-Ergebnisse. Doch auch diese Nische, dies Funkloch zur Zivilisation, wird bald geschlossen sein. Gerade erst hat Siemens den Auftrag zur Installation eines 80 Mill. DM teuren GSM Mobilfunk-Netzwerks in Tansania erhalten, dem kostengünstigeren Ruf per WAP-phone wird auch hier bald nichts mehr im Wege stehen.


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Gerd Oelschlaegel, Safari-Reisebuero Berlin Tansania

Gerd Oelschlaegel vom Safari-Reisebuero Berlin hat als Reiseveranstalter mit die höchste Kompetenz für Tanzania und baut auf langjährige eigene Reise-Erfahrung sowie perfekte Planung vor Ort. Afrika aktuell stellt Ihnen hier diesen Spezial-Reise-Veranstalter vor...



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